Alles hat seine Zeit.
Der Countdown laeuft, meine Zeit in Bolivien kommt langsam aber sicher an ihr Ende.
Heute in einem Monat sitze ich gerade im Flugzeug mit Landeanflug auf den Frankfurter Flughafen... ganz schoen unglaublich.
Ich habe jetzt noch zwei Wochen im Heim, dann zwei Wochen frei, von denen ich eine Woche in den Sueden nach Tarija reisen will, um dort auf dem Land die Missionare zu besuchen, mit denen ich im Januar fuer das Aerzteteam uebersetzt hab, und die zweite Woche werd ich in Santa Cruz verbringen, zum Besuche machen, mich verabschieden, Dinge erledigen, einzukaufen, und mich seelisch und moralisch auf Deutschland vorzubereiten. ;)
Es ist etwas schwierig, 100%ig im Heim zu sein, und alles zu geben, und dabei aber im Hinterkopf zu haben, dass ich bald nicht mehr da sein werde. Da kommt sehr viel Wehmut und Abschiedsschmerz auf.
Aber alles hat seine Zeit. Festhalten und Loslassen.
Im letzten Monat hat sich wieder viel getan im Heim, wir hatten zwischendurch zwei teams aus Amerika da, die uns unter anderem geholfen haben, einige Zimmer des Heims neu zu streichen, dann gab es Veraenderungen unter den Maedels. Drei der Maedels, die auf dem letzten Foto zu sehen sind, haben mittlerweile das Heim verlassen, Rosa, Lilian und auch Faviola, die im August ihr Kind erwartet. Das war ziemlich schlimm, mitansehen zu muessen, wie ein junges Maedchen die Entscheidung trifft, das Heim zu verlassen, und auf die Strasse und in den Alkohol und Drogen zurueckzukehren, ohne die Folgen, besonders auch fuer ihr ungeborenes Kind zu bedenken.
Es tut weh, die eigene Ohnmacht anzuerkennen und stehen zu lassen, aber das ist der Preis des freien Willens, den Gott uns schenkte. Das Angebot des Lebens gilt fuer alle, doch nur wenige nehmen sie an. Nur wenige waehlen den schmalen Weg.
Der Vater des verlorenen Sohnes hat ihn scheinbar bereitwillig ziehen lassen, obwohl er sich der Folgen und Gefahren bewusst war. Er hat ihn losgelassen, bestimmt unter viel Schmerz und Leid, aber auch mit der Hoffnung, dass er zurueckkommen koennte. Und so muessen auch wir die Maedels, die die Entscheidung treffen, das Heim zu verlassen, ziehen lassen, sie trotz allem segnen und obwohl es hoffnungslos scheint, hoffen, dass sie eines Tages zurueckkehren, und nicht an den Folgen ihrer Entscheidungen zugrundegehen.
Doch es kamen auch neue Maedels dazu, 4 an der Zahl, nicht alle kommen direkt von der Strasse. Unter ihnen Anabell, 13, sie wurde uns vom Jugendamt vermittelt, da sie ihren Vater (der wegen Viehraub im Knast sitzt) angezeigt hat, denn er hat sie gezwungen fuer ihn Drogen ins Gefaengnis zu schmuggeln. Sie kommt also aus sehr zwielichten Familienverhaeltnissen, und hat fuer ihr Alter schon krasse Dinge erlebt und mitgemacht.
Dann kam Carla, sie ist 14, sie kam mit ihren Eltern unerwartet und unangemeldet ins Heim eingeschneit. Sie lebte moch bei ihren Eltern, in einem recht stabilen Elternhaus, doch sie hat sich mit einer kriminellen Bande aus ihrem Stadtviertel eingelassen, und ist oefters mal fuer ein paar Tage bis sogar einen Monat von ihrem Zuhause abgehauen, und hat dann mit ihrer 'Pandilla' Raubzuege unternommen.
Nach Carla kam Lidia, ein 8-jaehriges Madchen dazu, sie lebte in Tarija (Sueden Boliviens) mit ihrer Mama und ihrem kleinen Bruder auf der Strasse, die Mutter Alkoholikerin, die sich auch prostituierte, man kann sich vorstellen, wie Lidias Leben dort aussah. Sie ist jetzt fast seit drei Wochen bei uns und entwickelt sich ganz gut, ist eine weitere Spielgefaehrtin fuer Yoly und Andrea, und diese drei kleinsten sind ganz schoen gewitzt und halten uns beschaeftigt!
Und als letzte kam Andreina zu uns, sie wurde am Donnerstag 17 Jahre alt, haben also gleich mal ihren Geburtstag gefeiert. Ihre Geschichte ist noch etwas schwammig und unbekannt, sie kam zu uns von nem anderen Heim, aus dem sie mehrfach ausgerissen war. Sie wuchs mit Stiefvater auf, der sie wohl in jungem Alter vergewaltigt hat, daraufhin wurde sie von Heim zu Heim hin- und hergeschoben, lebte zeitweise immer wieder auf der Strasse, wo sie angefangen hat, Drogen zu nehmen, und auch sehr in der Prostitution aktiv war.
Immer das gleiche Lied. Von zerbrochenen Elternhaeusern und (sexuellem) Missbrauch ging die Flucht in die Drogen, und von dort fuehrt der Weg sehr schnell in die Prostituion.
Und dann kommt Gott, der die Scherben dieser jungen Leben aufliest, und aus ihnen neue, schoene, und vor allem heile Gefaesse toepfern will.
Ja, soviel also zu den Neuigkeiten, bitte betet fuer viel Kraft und Weisheit feur die naechsten Wochen, und dass ich richtige Prioritaeten setzten kann, und das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden kann, und die letzte Zeit hier noch voll ausnutzen und geniessen kann.
Mit lieben Gruessen, bis bald schon!
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Sonntag, Juli 13, 2008
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