Sonntag, August 10, 2008

Bolivienblog, der letzte...


Meine lieben Freunde und treuen Blogleser!


Wow, wenn ich daran denke, dass viele von euch seit zwei Jahren ueber diese Seite in mehr oder weniger regelmaessigen Abstaenden mein Leben verfolgt, dann find ich das ziemlich krass. So ne lange Zeit, und doch gings so schnell vorbei!



Zur Feier des Tages der Freundschaft (23.Juli) sind wir alle zusammen in die Stadt Essen gegangen



Noch ein letztes Mal will ich in meinen Blog schreiben… es ist Sonntag, der 10. August, ich sitze am Computer, waehrend das bolivianische Volk per Volksabstimmung ueber die Zukunft des Praesidenten und der Praefekten abstimmt – es koennte also nach zwei Jahren Evo Morales schon wieder ein Regierungswechsel anstehen.
Und da fuer diesen Tag ein Versammlungs- und Transportverbot besteht (man also das Haus nur zu Fuss verlassen kann), nutze ich die Zeit, mich seelisch, moralisch und auch ganz praktisch auf meine Heimreise a Dienstag vorzubereiten.

Als ich letztes Jahr im August fuer ein weiteres Jahr nach Bolivien ging, war mir ein Gebet des Epheserbriefs sehr wichtig geworden, wo Paulus im Kapitel 3:14-21 schreibt:

Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde den Namen erhaelt, dass Er euch nach dem Reichtum Seiner Herrlichkeit verleihe, durch Seinen Geist mit Kraft gestaerkt zu werden an dem inneren Menschen, dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, damit ihr, in Liebe gewurzelt und gegruendet, dazu faheig seid, mit allen Heiligen zu begreifen, was die Breite, die Laenge, die Tiefe und die Hoehe sei, und die Liebe des Christus zu erkennen, die doch alle Erkenntnis uebersteigt, damit ihr erfuellt werdet bis zur ganzen Fuelle Gottes.
Dem aber, der weit ueber die Massen mehr zu tun vermag, als wir bitten oder verstehen, gemaess der Karft, die in uns wirkt, Ihm sei Ehre in der Gemeinde in Christus Jesus, auf alle Geschlechter der Ewigkeit der Ewigkeiten! Amen.

Das hat Gott auf jeden Fall so erfuellt, ich habe um einiges mehr die Breite und Laenge, die Tiefe und Hoehe Seiner Liebe erfahren, bin begeisterter und erstaunter davon, und das einzige, das ich wirklich verstanden hab, ist, dass sie meinen Verstand bei weitem uebersteigt.

Neben praktischen Dingen wie Kochen, mich an das Ein-Mal-Eins Erinnern, Babys baden, Manikuere und Pedikuere, hab ich sehr viel Geduld gelernt, ich wurde Mal um Mal auf die Probe gestellt, kam an die Grenzen meiner Liebe und Kraft, und hab zwangslaeufig gelernt, aus Gottes Liebe und Kraft zu leben. Denn wo meine Liebe aufhoert, meine Geduld zu Ende ist, mein Glaube schiffbruch erleidet und meine Hoffnung sich nicht erfuellt, da ist Gottes Liebe immernoch geduldig und freundlich...

„...langmuetig und guetig, die Liebe beneidet nicht, die Liebe prahlt nicht, sie blaeht sich nicht auf; sie ist nicht unanstaendig, sie sucht nicht das Ihre, sie laesst sich nicht erbittern, sie rechnet das Boese nicht zu; sie freut sich nicht an der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie ERTRAEGT alles, sie GLAUBT alles, sie HOFFT alles, und ERDULDET alles. Die Liebe hoert niemals auf. 1.Korinther 13

Das zu leben, tagein tagaus, in guten und in schlechten Zeiten, bei guter und bei schlechter Laune, bei Dankbarkeit und Undankbarkeit, in Streit und Freundschaft, war meine grosse Herausforderung. Manchmal hab ich es besser gemeistert, in manchen Situationen auch total versagt, doch auch das darf und muss ich loslassen, und mir an Gottes Gnade genuegen lassen, denn Seine Kraft ist in meiner Schwachheit maechtig, und ich bin auf dem Weg, aber noch lange nicht am Ziel.

Es faellt mir nicht leicht, das Heim zu verlassen, es gibt noch so viel zu tun, so viel steht noch aus, und es tut weh, die Maedels, die ich in den letzten Monaten lieb gewonnen habe, los- und anderen zu ueberlassen.

Ich durfte miterleben, wie Marcos Krabbeln lernte und seine ersten Schritte tat, aber andere werden Zeugen seiner ersten Worte sein. Ich habe Andrea im Heim willkommen geheissen und ihre Traenen getrocknet, als sie ihre Mama vermisste, aber andere werden sie auf ihrem weiteren Weg begleiten. Ich war auf Kenias 15. Geburtstag und hab mit ihr ein Zimmer geteilt und ne schoene Freundschaft genossen, aber andere werden ihr zu ihrem Schulabschluss in zwei Jahren gratulieren.

Alles hat seine Zeit. Festhalten und Loslassen.

Ich hatte die letzten zwei Wochen schon frei, bin aus dem Heim aus, und ins Mitarbeiterhaus in der Stadt eingezogen. Eigentlich hatte ich vor, fuer ein paar Tage zu verreisen, aus der Stadt raus, um etwas Abstand von allem zu gewinnen, aber das hat dann aus terminlichen, infrastukturellen und politischen Gruenden net geklappt – hoert sich dramatisch an, oder? ;)
In anderen Worten, es kam ein Geburtstag, mehrere Erdruetsche und Strassenblockierungen dazwischen… ;)
Ich war erst bissle enttaeuscht, aber dann konnt ich die Zeit richtig geniessen, hab mehr Zeit mit Freunden berbracht, brasilianischen Bohneneintopf kochen gelernt, bin Bowlen gegangen, hab einfach nur entspannt und kreative Andenken fuer die (mittlerweile 15) Maedels gebastelt, und das Heim am Montag nochmal besucht. Da war der erste Geburtstag von Marcos, Joselins Sohn, da bin ich nochmal hin zum Besuchen. Wir haben einen richtig schoenen Kindergeburtstag gefeiert, und eine der Maedels hat mich gefragt: “Ja Schwester Marie-Lene, sind sie denn schon von ihrer Reise zurueck?” … ;)

Zwei der Maedels, die das Heim verlassen haben, kamen zurueck, die eine ist Rosita, das hat mich total gefreut, und die andere ist Faviola; das heisst, in zwei Wochen kommt im Heim noch ein Baby auf die Welt ;) Das wird spannend.

In weniger als 48 Stunden gehts jetzt aber wirklich los, und es scheint, dass auch der Lufthansa Streik dem nichts mehr anhaben kann (zwischendurch hab ich schon befuerchtet, dass mein Flug gestrichen werden koennte, und ich dann auf dem Flughafen in Sao Paolo in Brasilien fest sitze…)
Ich freue mich schon sehr auf Doener, meinen Wintermantel, heisse Duschen, die keine Stromschlaege verpassen, Sauerkraut, Autofahren, schnelle Internetverbindungen, Vollkornbrot, ruhige politische Verhaeltnisse, die Hochzeit meines Bruders und das Kennenlernen meiner zukuenftigen Schwaegerin ;) ... und natuerlich auch ganz besonders darauf, viele von euch bald wiederzusehen!!!

Bis dahin wuensch ich euch noch eine gute Zeit, und Gottes Naehe, die einen durch noch so groesse Veraenderungen sicher und in Frieden hindurch traegt.

Alles veraendert sich, doch Er bleibt gleich.

Und ich freu mich und bin gespannt auf alles, was Er in Deutschland fuer mich bereit haelt.

..und im Anschluss noch ein paar Bilder:



Das hier ist ein wunderschoener und riesiger Sandduenen Naturpark, wo wir mit den Maedels einen Ausflug hin unternommen haben.


Das bin ich beim Sandduenenrunterwurgeln mit Karen (unserer Psychologin, die auch auf den Ausflug mitkam)


Mit Andrea beim Yuca Schaelen


Carla und ich an meinem Geburtstag...


Abends haben wir uns alle noch verrueckt verkleidet... und die Torte... ja die war lecker!


Yanyt und ich... ;)


Selbst Marcos wurde nicht verschont! Bei unserer Verabschiedung (von Claire und mir) sind wir in ein tolles Restaurant gegangen


Am Tisch mit Patty (in der Mitte)


Wir zwei haben ein kleines Liedle gedichtet und dann vorgetragen, das war total lustig